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Latissimus-dorsi-Brustrekonstruktion

Latissimus-dorsi-Brustrekonstruktion mit Gewebe vom Rücken

Kurz erklärt: Bei der Latissimus-dorsi-Rekonstruktion wird ein Teil des großen Rückenmuskels zusammen mit Haut und Fett durch einen Tunnel in die Brustregion geschwenkt. Die versorgenden Gefäße in der Achsel bleiben angeschlossen. Der Lappen bringt zuverlässige, gut durchblutete Gewebebedeckung; für ausreichendes Volumen wird er häufig mit einem Implantat oder mit mehreren Eigenfettsitzungen kombiniert.

Die Methode ist weniger mikrochirurgisch als ein DIEP-Lappen, weil keine Gefäße durchtrennt und neu angeschlossen werden. Sie hinterlässt jedoch eine Rückennarbe und kann Kraft, Schultergefühl oder die Kontur der Entnahmestelle verändern. Die Bezeichnung „zuverlässig“ darf daher nicht mit „klein“ oder „folgenlos“ verwechselt werden.

Anatomie und Blutversorgung

Der Latissimus dorsi ist ein breiter, flacher Muskel des seitlichen Rückens. Er unterstützt Bewegungen wie Heranziehen und Innenrotation des Arms, Klettern, Rudern oder den Einsatz von Gehstützen. Seine Hauptgefäße, die thorakodorsalen Gefäße, treten in der Achsel ein. Auf diesem Gefäßstiel kann der Muskel mit einer Hautinsel zur Brust geschwenkt werden.

Andere Schulter- und Rückenmuskeln können viele Alltagsfunktionen kompensieren. Sportlerinnen, Rollstuhlfahrerinnen, Kletterinnen oder Menschen, die beruflich stark auf Zugbewegungen angewiesen sind, benötigen dennoch eine besonders genaue Funktionsberatung.

Varianten des Verfahrens

Beim klassischen myokutanen Lappen werden Muskel, Haut und darunterliegendes Fett übertragen. Ein „muscle-sparing“ Ansatz versucht, weniger Muskel mitzunehmen, sofern Anatomie und Sicherheit dies erlauben. Bei der „extended“ Variante wird zusätzliches Rückenfett genutzt, um mehr Volumen zu gewinnen.

Der Lappen kann allein eine kleine Brust bilden, häufiger deckt er ein Implantat ab. Eine weitere Möglichkeit ist ein „fat-augmented latissimus dorsi“: Das Rückenlappengewebe bildet eine gut durchblutete Basis, die in mehreren Schritten mit Eigenfett ergänzt wird.

Wann wird der Latissimus-Lappen erwogen?

  • Wenn ein Implantat zusätzliche gesunde Gewebebedeckung benötigt.

  • Nach Bestrahlung, Narben oder Implantatverlust.

  • Wenn Bauchgewebe für einen DIEP-Lappen nicht verfügbar oder nicht gewünscht ist.

  • Bei kleineren bis mittleren Zielvolumina.

  • Als Rettungsverfahren nach anderen Rekonstruktionsproblemen.

  • Wenn eine freie mikrochirurgische Lappenplastik medizinisch oder organisatorisch nicht passend ist.

Operationsablauf

  1. Die Hautinsel wird entlang der BH-Linie oder schräg am Rücken geplant.

  2. Muskel, Haut und Fett werden unter Erhalt der thorakodorsalen Gefäße angehoben.

  3. Ein Tunnel zur Brustregion wird geschaffen.

  4. Der Lappen wird ohne Verdrehung des Gefäßstiels nach vorne geführt.

  5. Das Gewebe wird zur Brust geformt; bei Bedarf wird ein Implantat darunter eingesetzt.

  6. Rücken und Brust werden verschlossen, meist mit Drainagen.

Die Patientin wird während der Operation gelagert oder umgelagert, damit Rücken und Brust sicher erreichbar sind. Die genaue Dauer hängt von Voroperationen, Implantat, ein- oder beidseitigem Vorgehen und zusätzlichen Korrekturen ab.

Latissimus-Lappen mit Implantat

Der Muskel bedeckt das Implantat mit gut durchblutetem Gewebe und kann dünne oder bestrahlte Haut unterstützen. Das Implantat liefert Projektion, die der Rückenlappen allein oft nicht erreicht. Damit bleiben jedoch implantatspezifische Risiken bestehen: Kapselfibrose, Infektion, Ruptur, Verschiebung und spätere Wechseloperationen.

Eine Bestrahlung kann auch bei dieser Kombination Kapselprobleme erhöhen. Der Lappen verbessert die Weichteildeckung, macht das Implantat aber nicht immun gegen Strahlenfolgen.

Latissimus-Lappen ohne Implantat

Bei ausreichendem Rückenfett und kleinem Zielvolumen kann der Lappen allein verwendet werden. Häufig wird später Eigenfett ergänzt. Das vermeidet ein dauerhaftes Implantat, verlangt aber realistische Erwartungen an Größe, Projektion und die Zahl der Sitzungen.

Rückennarbe und Entnahmestelle

Die Narbe kann unter dem BH liegen, ist aber dauerhaft und je nach Kleidung sichtbar. Ein Serom – eine Flüssigkeitsansammlung unter der Rückenhaut – gehört zu den häufigsten Problemen. Es kann wiederholte Punktionen oder länger liegende Drainagen erfordern.

Weitere mögliche Veränderungen sind Taubheitsgefühl, Spannung, eine seitliche Vorwölbung, Asymmetrie oder ein Konturdefekt. Die Narbe kann breit, eingezogen oder verdickt heilen.

Schulter- und Rückenfunktion

Viele Patientinnen erreichen nach Rehabilitation eine gute Alltagsfunktion. Trotzdem zeigen Studien bei einem Teil messbare Einschränkungen in Kraft, Ausdauer oder Beweglichkeit. Frühzeitige, abgestufte Physiotherapie ist wichtig, besonders nach axillärer Lymphknotenoperation oder Bestrahlung.

Vor der Operation sollten Beruf, Sport, Hilfsmittelgebrauch und bestehende Schulterprobleme erfasst werden. Wer auf Krücken, Rollstuhltransfer, intensives Schwimmen, Rudern oder Klettern angewiesen ist, kann andere Prioritäten haben als jemand mit überwiegend sitzender Tätigkeit.

Risiken

Neben Blutung, Infektion, Wundheilungsstörung und Thrombose sind Serom, Teilnekrose der Hautinsel, Fettgewebsnekrose und verzögerte Heilung möglich. Ein kompletter Lappenverlust ist wegen des erhaltenen Gefäßstiels selten, aber nicht ausgeschlossen.

Wird ein Implantat verwendet, kommen alle implantatbezogenen Risiken hinzu. Der Muskel kann sich anfangs unwillkürlich anspannen und die Brust bewegen; häufig nimmt diese Aktivität mit der Zeit ab, gelegentlich ist eine gezielte Behandlung nötig.

Erholung

Brust und Rücken müssen gleichzeitig heilen. Drainagen bleiben oft so lange, bis die Flüssigkeitsproduktion deutlich gesunken ist. Leichte Armbewegung beginnt nach Anleitung, während schweres Ziehen, Heben und Überkopfbelastung zunächst eingeschränkt werden.

Die Rückenseite kann beim Liegen und Sitzen spannen. Ein stufenweiser Physiotherapieplan hilft, Schonhaltung und Schultersteife zu vermeiden. Die endgültige Brust- und Rückenkontur wird erst nach mehreren Monaten beurteilt.

Vergleich mit anderen Rekonstruktionen

Der DIEP-Lappen liefert meist mehr weiches Volumen ohne Implantat und schont den Rückenmuskel, ist aber eine längere mikrochirurgische Operation mit Bauchnarbe. Ein reiner Implantataufbau ist kürzer und vermeidet die Rückennarbe, bietet in problematischer Haut jedoch weniger biologische Bedeckung. Lokale Perforatorlappen erhalten den Latissimus-Muskel, reichen aber nicht für jeden Defekt oder kompletten Brustaufbau.

Die Wahl richtet sich nach Gewebeangebot, Bestrahlung, Gefäßanatomie, Zielgröße, körperlicher Funktion und persönlicher Bereitschaft für Narben und Folgeoperationen.

Häufige Fragen

Wird der gesamte Rückenmuskel entfernt?

Meist wird ein großer Anteil des Muskels übertragen, aber nicht „der ganze Rückenmuskel“ im wörtlichen Sinn. Technik und Muskelmenge variieren. Fragen Sie konkret, was in Ihrem Fall geplant ist.

Brauche ich immer ein Implantat?

Nein. Kleine Rekonstruktionen oder mehrstufige Eigenfettkonzepte können ohne Implantat auskommen. Für mittlere bis größere Projektion wird ein Implantat jedoch häufig verwendet.

Kann ich danach noch schwimmen?

Viele Patientinnen kehren nach Heilung und Training zum Schwimmen zurück. Kraft und Ausdauer können verändert sein; eine individuelle Physiotherapie verbessert die Anpassung.

Warum entsteht so oft ein Serom?

Die großflächige Ablösung am Rücken hinterlässt einen potenziellen Raum, in dem sich Wundflüssigkeit sammelt. Drainagen, Kompression und operative Fixierung können das Risiko reduzieren, aber nicht vollständig beseitigen.

Ist die Methode nach Bestrahlung geeignet?

Sie kann gesundes, gut durchblutetes Gewebe in einen bestrahlten Bereich bringen und ist deshalb eine etablierte Option. Heilung und implantatbezogene Risiken bleiben dennoch erhöht.

Fragen für die Beratung

  • Ist der Lappen allein groß genug oder ist ein Implantat vorgesehen?

  • Welche Rückenfunktion ist für meinen Beruf und Sport relevant?

  • Wie hoch ist die Seromrate des Teams und wie wird ein Serom behandelt?

  • Wo liegt die Rückennarbe genau?

  • Welche Alternative schont den Muskel?

  • Wie verändert eine frühere oder geplante Bestrahlung den Plan?

  • Wann beginnt die Physiotherapie?

Quellen und medizinischer Rahmen

Eine unabhängige Übersicht zu Implantat- und Eigengewebsverfahren bietet der Krebsinformationsdienst des DKFZ. Zeitpunkt und Methode der Rekonstruktion werden in der S3-Leitlinie Mammakarzinom als individuelle, onkologisch abgestimmte Entscheidung behandelt.

Allgemeine Patienteninformation, aktualisiert am 15. Juli 2026. Sie ersetzt keine körperliche Untersuchung oder individuelle Risikoaufklärung.

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